Helgi Hrafn Jónsson – For The Rest Of My Childhood

Melancholie ist eine Strategie

helgi_hraf_jonsson_the_rest_of_my_childhoodDie isländische Musikszene hat bereits einige wirklich großartige Perlen hervorgebracht. Größen wie beispielsweise Sigur Rós haben sich selbst hierzulande einen nicht zu unterschätzenden Bekanntheitsgrad erarbeiten können und müssen daher natürlich immer als Gradmesser herhalten, wenn es um Musik aus dem zweitgrößten Inselstaats Europas geht. Im Fall von Helgi Hrafn Jónsson sind diese Vergleiche allerdings durchaus angebracht. Da fällt zum einen die unüberhörbare Ähnlichkeit zum Gesang von Sigur Rós Gitarrist und Frontmann Jón Þór „Jónsi“ Birgisson auf. Zum anderen ist da die ebenso unüberhörbare Liebe zu melancholischen und bittersüßen Pop-Melodien.

Während sich allerdings Sigur Rós auf ausufernde Kompositionen und Klangwelten konzentrieren und mit einer eigens dafür geschaffenen Kunstsprache vollenden, arbeitet Helgi Jónsson songorientierter und ist damit im ersten Moment wesentlich greifbarer und auch zugänglicher. Bei aller Liebe zu Sigur Rós und deren Kunstverständnis bzw. -Schaffen, kann man ihnen dennoch eine gewisse Verklausulierung und Eintönigkeit unterstellen. Jónsson ist in dieser Hinsicht geradliniger, ohne jedoch die immer wieder durchschimmernde Progressivität seiner Musik vollends aus den Augen zu verlieren. Da passt es ins Bild, dass auch die Texte oftmals in englischer (bzw. isländischer) Sprache vorgetragen werden und sich Jónsson nicht hinter der scheinbaren Unantastbarkeit einer Kunstsprache versteckt, nur um der hochgelegten Messlatte des isländischen Kunstanspruchs gerecht werden zu müssen. Erfrischend!

Es ist in der Regel ein ganz großes Kompliment für einen Künstler, wenn er gleich mit den ganz Großen verglichen wird und dabei alles andere als schlecht aussieht. Bei Helgi Hrafn Jónsson ist das nicht anders und – um das Spiel mit den großen Namen mal zu komplettieren – neben Sigur Rós sind nicht wenige Anleihen aus dem Radiohead Universum zu vernehmen, ohne sich jedoch zu sehr aufzudrängen. Love Mind erinnert passagenweise sogar an die Eels. Das einzige was Helgi Hrafn Jónsson fehlt um mit The Rest Of My Childhood den ganz großen Wurf zu landen ist die Tatsache, dass es ihm vielerorts nicht gelingt, den überdimensionalen Schatten von Sigur Rós komplett hinter sich zu lassen. Dennoch und um es abschließend auf den Punkt zu bringen: Wer sich mit den genannten Fixpunkten anfreunden kann, dem sei Helgi Hrafn Jónsson ohne Kompromisse ans Herz gelegt.

Bewertung: ★★★★★★★★☆☆

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