Shy Guy At The Show – The Birth Of Doubt
Ein gefallener Engel ist ein Geisteswesen, das sich der göttlichen Ordnung widersetzt. Ein Thema welches in den vergangenen Jahrhunderten von vielen Literaten aufgegriffen wurde und dessen Ursprung tief in den Apokryphen verwurzelt ist. Stolz, Lust, das Streben nach Gottgleichheit – die Motive können divergieren, die Resultate ähneln sich dafür umso mehr: Der Engel verlässt entweder aus freien Stücken oder unter Zwang (“Höllensturz”) den Himmel. Dieser komplexe Überbau dient der Karlsruher Band Shy Guy At The Show als inhaltliches Leitmotiv für deren Konzeptalbum The Birth Of Doubt.
“I’m not longing to become human. They are weak and false. But they own and breed doubt. Heaven slumbers. I am awake and roaming the alleys of knowledge to learn the seven arts of mankind.”
Der Titeltrack gibt die inhaltliche Marschrichtung vor: “Art breeds doubt.” Ein Engel steigt zu den Menschen herab, um sie zu beobachten, von ihnen zu lernen. Vornehmlich die Kunst des Zweifelns. Neugier treibt ihn an, das Wesen der Menschlichkeit zu begreifen. Die Ambivalenz der menschlichen Existenz und deren Künste fasziniert ihn mehr und mehr. Obwohl er (noch) nicht alles versteht, dringt er immer tiefer in das abstrakte Bewusstsein der Menschen ein. Nach und nach beginnt er die Ursächlichkeit des Lebens zu begreifen(“I want to meet this fear called death”), was gleichzeitig der Beginn einer großen Sehnsucht ist. Der Sehnsucht nach Menschwerdung.
“Death is the mother of beauty. [...] I reject heaven. I choose to live. [...] I kill myself to prove that”
Im Gegensatz zu vielen anderen Bands sind die Texte bei Shy Guy At The Show keine mehr oder weniger sinnlose Aneinanderreihung von Worthülsen oder Plattitüden, sondern bilden vielmehr ein starkes inhaltliches Fundament, auf deren Grundlage sie ihre Musik aufzubauen verstehen. Und trotz ihres artifiziellen Anspruches verliert sich die Band zu keinem Zeitpunkt in musikalischen Absonderlichkeiten, sondern behält immer den Song als selbstständiges Element innerhalb des kohärenten Ganzen im Auge. Die Folge: Ohrwürmer (Skin, The Dance, House of Elsewhere, Surrounded By Knives)!
Stilistisch hebt man sich bisweilen stark von den beiden Vorgänger-Alben Affection (the sequence of events) und Elliptic ab. Wo vorher noch der relativ ungreifbare Oberbegriff Indie-Rock Pate stand und die eine oder andere Post-Rock Anleihe zu hören war, orientiert man sich bei The Birth of Doubt mehr an Synthesizer-Klängen und bewegt sich damit in der Schnittmenge zwischen Wave und Gothic-Rock. Das mag für Fans der ersten Stunde vielleicht überraschend sein, passt allerdings zum musikalischen Verständnis der Band: Mit allen notwendigen Konsequenzen wird die Musik dem Gesamtkunstwerk untergeordnet.
Die gewünschte Homogenität hat jedoch auch ihren Preis: Das ambitionierte Death Valley Love Affair klingt nach einem imaginären Duell zwischen Meat Loaf und Black Rebel Motorcycle Club, will sich allerdings nicht ganz in den stilistischen Kontext des Albums einreihen. Der Titeltrack The Birth Of Doubt stünde in seiner orchestralen Epik dem Gothic-Musical Repo – The Genetic Opera wesentlich besser zu Gesicht… Meckern ist das Vorrecht des Kritikers. Doch auch das ist nur die eine Seite der Medaille, denn die Ambivalenz beim Hörer lässt sich auch als metaphorischer Transfer des Substanziellen, als inhaltliche Rückkopplung verstehen.
The Birth Of Doubt ist damit in erster Linie eines: Ein Gesamtkunstwerk! Ein überaus gelungenes sogar.
Bewertung: 














Schöner Test Phil:)!!
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